Warum Hunde treten, wenn auch reden geht?

Warum Hunde treten, wenn auch reden geht?

02.09.2016 – Mit freundlicher Erlaubnis von TA Bela F. Wolf

 


Foto: Enikö Kubinyi

Ich höre schon den Aufschrei, der durchs Netz geht. Wenn die ewige Anhängerschaft des mexikanischen Stehaufmännchens Millan C. jetzt gleich in die Bresche springt, um ihren Anführer zu verteidigen, gegen Tierärzte wie mich beispielsweise. Denn ich habe mich immer gegen die brutalen Machomethoden des selbsternannten Rudelführers und Herrschers der Flüsterwelt ausgesprochen und werde es auch weiterhin tun. Auch in meinem neuen Buch, ob es ihnen gefällt oder nicht. Anscheinend sind die Ängste der Unbelehrbaren riesengroß, so groß, dass sie nicht mal einem Tierarzt Glauben schenken wollen, wenn er aufklärt, dass Millans Trainingsmethoden keinesfalls harmlose Kicks sondern waschechte Tritte in die empfindlichen Weichteile darstellen. Hunde verstehen unsere Worte, Leute! Man muss ihnen nicht Gewalt antun, um ihnen Dinge beizubringen, denn sie verstehen auch so, was man von ihnen möchte. Hunde wollen Menschen gefallen. Wenn man ihnen klarmacht (ganz ohne Alphagedöns), was man von ihnen erwartet, und zwar so, dass sie es auch verstehen können, dann tun sie das auch. Hunde sind keine Idioten. Ich weiß nicht, wie oft ich es noch schreiben muss, bis es alle kapiert haben: Die Millan-Methode fügt Hunden Schmerzen zu! Und das völlig unnötigerweise!

Denn Hunde können laut der neuesten wissenschaftlichen Studie menschliche Worte verstehen. Und zwar jedes einzelne Wort, egal ob es freundlich betont wird oder aggressiv dahergebrüllt ist. Sie verstehen uns, auf haargenau die gleiche Art und Weise wie auch Menschen Worte verstehen. Nachweislich mittels MRT in dieser brandneuen Studie veröffentlichte Ergebnisse sollten eigentlich die ärgsten Zweifler verstummen lassen.

Hier nachzulesen:http://kurier.at/wissen/hunde-verstehen-jedes-einzelne-wort/218.495.387

Gerne auch das englische Original: https://www.washingtonpost.com/news/animalia/wp/2016/08/30/confirmed-your-dog-really-does-get-you/?tid=sm_fb

Die Zweifler verstummen trotzdem nicht. Die Zweifler glauben keinem Röntgenbild (könnte gefaked sein!), keinem tierärztlichen Attest (könnte gelogen sein!) und keinem Gericht (wo ist der Link/die Quelle zum Gerichtsurteil!). Wahrscheinlich glauben sie auch dieser neuen Studie nicht. Sie glauben, was sie in der Glotze sehen oder in der Millanschen Prosa lesen. Menschen glauben immer nur genau das, was sie glauben wollen. Gegen Millan ist kein Kraut gewachsen, er ist so unausrottbar wie das hartnäckigste Unkraut irgendwo in Mexiko zwischen Kakteen und nirgendwo. Jaja, ich weiß, er lebt jetzt in Amerika. Wo er seine tollen Methoden tagein tagaus im Fernsehen zeigen darf, weil das die Einschaltquote ungemein erhöht. Leider läuft die Hundeflüsterer-Serie auch in Europa immer wieder in Endlosschleife auf Sixx, um immer noch neue Anhänger zu rekrutieren. Tierärzte wie ich werden dann gerne als „Neider“ hingestellt. Weil ich habe ja offensichtlich nichts besseres zu tun, als andauern darüber zu schreiben. Doch, das hätte ich, glaubt mir. Aber wegschauen hilft den Hunden nicht.

Er ist wieder da! Und offensichtlich bleibt er uns erhalten.

Leidtragenden sind allein die Hunde. Hier ein schönes Beispiel von Karin Büchel-Maissen, Vorsitzende des Vereins „Samojede in Not“. Sie beschreibt die Geschichte ihres geretteten und „resozialisierten“ Hundes Fes unter diesem Link: http://samojeden.jimdo.com/unsere-hunde/fes/

Ganz ohne Gewalt und Prügel! Sie sprach mit Fes! Ich will mir nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte sie die Millanmethode bei diesem Hund angewandt. Der Hund ist jetzt ein ganz normaler sozialer Hund. Dank Karin. Die ein Mensch ist, der Hunde liebt. Nicht dank Tipps aus dem Fernseher von „Komm-auf-die-dunkle-Seite-der-Macht“.

Kommt mir nicht mit „Er resozialisiert sie!“, oder „Sonst wären sie schon getötet worden!“. Man kann Hunde auch so lange prügeln und treten, sie strangulieren und misshandeln oder zu Tode erschöpfen, bis sie aufgeben und sich nicht mehr wehren können. Das nennt man dann resozialisiert. Das wollt ihr? Wirklich? Das wollen Hundehalter, die sich als liebende Tierbesitzer ausgeben allen Ernstes? Hier nochmal die gesundheitlichen Konsequenzen für Hunde, die mittels Millan-Methoden traktiert und misshandelt werden, täglich und weltweit, überall. Ich erkläre jetzt die Millan-Methode:

Zuerst den Hund erschöpfen (gerne mit Würgehalsband kilometerlang ganz knapp am Fahrrad nebenher rennen lassen, oder am Laufband befestigen und darauf traben lassen, bis er niederbricht), dann ist er „ruhig und ausgeglichen“.

Die Folgen: von Überbelastung der gesamten Wirbelsäule und des gesamten Bewegungsapparates (Bandscheibenvorfälle, Bänderrisse, Zerrungen, Quetschungen, Prellungen, Frakturen, Muskelrisse, Verstauchungen) bis zu Kreislaufkollaps, Herzversagen und Tod ist alles drin.

Man kann Hunde auch zu Tode erschöpfen. Junge Hunde kann man übertrainieren und überfordern, die noch im Wachstum befindlichen Organe werden in der Entwicklung schwer gestört und nachhaltig geschädigt. Gestört wird auch die Psyche. Große Hunde sind erst mit zwei Jahren ausgewachsen.

Anschließend wird empfohlen, den Hund hart auf Gehorsam zu trainieren. Entweder mit der geballten „Dreifingermethode“ (die Fingerstöße sollen „Hundebisse“ imitieren) bei der man diese irgendwo, begleitet von lauten Zisch- oder Drohlauten, mehrmals hart in den Hundehals stößt, und/oder gleichzeitig seitlich mit dem Fuß in die Weichteile (Becken, Bauch) tritt. Hundebisse nachmachen? Soll das ein Scherz sein? Leider kann man darüber keineswegs lachen. C.M. meint das ernst. Selbst wenn es vergleichbar wäre: welcher Hund, der andauernd von seiner Hundefamilie „zurechtgebissen“ wird, wäre noch geistig normal? Im Zwinger nennt man das „Mobbing“. Millan empfiehlt es.Die Folgen: Schäden der gesamten inneren Organe, Nierenblutungen, Milzrisse, Leberblutungen, Schäden an den Geschlechtsorganen, Blasenrupturen, Beckenknochen-, Wirbelsäulen-, Hintere Extremitäten- Frakturen oder Verstauchungen; das harmloseste sind Blutergüsse und Prellungen, die man dank Fell nicht sieht.

In weiterer Folge wird empfohlen, immer das Millan Halsband zu benutzen, (gegebenenfalls Ketten- oder Stachelhalsband, falls man dieses grad nicht zur Hand hat), notfalls den Hund an selbigem strangulierend durch die Luft zu wirbeln, hochzuheben oder wenigsten daran heftig und ruckartig zu zerren. Dieses Halsband besteht aus zwei verbunden Teilen, damit es nicht verrutscht und ist extra dünn und so konzipiert, dass es direkt hinter den Ohren anliegt und auf beide Karotiden sowie Parotiden und knapp über den Kehlkopf drückt. Es sperrt also die Blutzufuhr zum Gehirn ab und nimmt dem Hund zusätzlich die Luft zum Atmen. Die Folgen: Erstickungsanfälle, hochgradige Sauerstoffunterversorgung, Ohnmacht, Herzrasen, Kehlkopfschäden, Schäden der Speiseröhre und der Lunge; Lungenemphysem, Lungenödem, Glaukom, Augenaustritte, Angst- und Panikattacken, Todesangst. Fallweiser Genickbruch durch Strangulation.

Und noch was: Es nutzt euch gar nichts, mich, mein neues Buch oder sonst jemand der sich gegen diesen Verbrecher ausspricht, schlecht zu bewerten oder als Dummkopf hinzustellen. Gegen Herrn Millan laufen unzählige Anzeigen wegen Tierquälerei. Das allein sollte eigentlich als Argument schon ausreichen. Ich werde gegen diesen Herrn kämpfen solange ich kann. Nichts kann mich daran hindern, kein inkompetenter einfältiger Kommentar seiner Fans, kein Drohbrief, kein unflätiges E-Mail. Im Gegensatz zu dem selbsternannten Flüsterer liebe ich Hunde. Und deshalb behandle ich sie als Partner und als Freunde. Mein Hund ist kein willenloser Sklave, der am besten rücklings bibbernd neben mir herkriecht, weil er sonst Angst haben muss, wieder einen „harmlosen Kick“ in die Nieren zu bekommen oder bis zur Ohnmacht stranguliert zu werden, falls er nicht auf der Stelle meinem göttlichen Willen als allmächtiger Alpha-Herrscher gehorcht.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Hardcore-Fans zu bekehren sind. Trotzdem besteht Hoffnung, dass dank dieser neuen Studie wenigstens die noch nicht dem hochansteckenden Millanvirus zum Opfer gefallenen Hundehalter rechtzeitig vor diesem Herrn gewarnt werden konnten. Es würde mich freuen.

Herzlichst Bela Wolf,
Tierarzt, Autor und Tiergesundheitsjournalist

https://tierarztwolfblog.wordpress.com/

Link zum Originalartikel: https://www.fischundfleisch.com/tierarzt/warum-hunde-treten-wenn-auch-reden-geht-24988